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Ohne Stau in den Urlaub

„Kein Mensch muss im Stau stehen“, ist Prof. Dr. J. Rod Franklin sicher. Franklin ist akademischer Leiter der Führungskräfteausbildung an der Kühne Logistics University und erforscht dort moderne Verkehrs- und Logistikkonzepte. „Dass private Pkws und gewerblicher Frachtverkehr das Straßennetz gleichzeitig und unkoordiniert nutzen, sorgt gerade in der Ferienzeit für verstopfte Straßen. Wer hier ansetzt, schafft Staus ab“, so Franklin. Mit intelligenten Verkehrsleitsystemen und vorgegebenen Zeitfenstern, in denen entweder private Pkws Vorfahrt haben oder gewerblicher Verkehr, ließen sich Staus vermeiden. Ohne Staus hätte ein durchschnittlicher Bundesbürger in seinem Leben sechs Monate mehr Zeit zur freien Verfügung. Die deutsche Wirtschaft würde 7,8 Milliarden Euro an direkten und indirekten Kosten einsparen.

Mit gutem Beispiel voran

Dass solche Maßnahmen greifen und privaten wie gewerblichen Verkehrsteilnehmern nutzen, zeigte bereits 1984 das Verkehrsleitkonzept zu den Olympischen Spielen in Los Angeles. „Damals wurde eine radikale Entscheidung getroffen: Tagsüber untersagte die Verwaltung den Lieferverkehr in der Stadt. Dadurch floss der Berufsverkehr frei, ohne sich irgendwo zu stauen“, erinnert sich Franklin. Denn Lieferverkehr braucht viel Raum: Ein einziger Lkw verdrängt zwei oder drei Pkws. Auch die Transportunternehmen profitieren von einer Reglementierung, die ja alle Anbieter gleichermaßen treffen würde. Stehen ihre Lkws im Stau, verlieren sie wertvolle Zeit und verschwenden teuren Kraftstoff. „In London zum Beispiel sinkt der Nutzen des gewerblichen Verkehrs durch die allgegenwärtigen Staus auf circa 60 Prozent“, weiß Franklin. „Würden Zeitfenster für Lieferverkehr vorgesehen und richteten sich die Unternehmen daran aus, könnten sie ihre Fahrzeuge und Mitarbeiter effizienter einsetzen und wären somit deutlich produktiver“.

Daten für Planung vorhanden

„Unternehmen der Logistikbranche, Berufsverbände, Behörden und Automobilclubs sammeln umfassende Daten darüber, wer wann warum auf deutschen Straßen unterwegs ist“, weiß Franklin. Gerade in den Sommerferien gibt es ein deutlich erhöhtes Verkehrsaufkommen auf den Autobahnen. „Diese Spitzenbelastungen und damit die Urlaubsstaus sind exakt vorhersehbar“, sagt der Experte. „Mit statistischen Modellen kann man die Ströme der Urlauber genau prognostizieren. Dieses Wissen sollte in einem vernetzten Verkehrsleitsystem genutzt werden, um zum Beispiel Frachtverkehr von stark befahrenen Autobahnen und in übermäßig belasteten Zeiten auf andere Routen umzuleiten oder zeitweilig zu untersagen“. Die Logistik-Unternehmen könnten die Prognosen bereits bei der Routenplanung berücksichtigen und sich auf freie Zeitfenster einstellen.

Herausforderung Logistik-Sharing

Der Experte schlägt neue Lösungen für die Logistikbranche vor, um solche Lücken optimal zu nutzen: Wie beim privaten Car-Sharing sollten die Unternehmen verstärkt Lagerzentren, Lkws und Lieferwagen gemeinsam nutzen. Da sich jedoch viele Unternehmen nicht gerne in die Karten gucken lassen, wenn sie Waren und Dienstleistungen verschicken, hat sich Logistik-Sharing noch nicht durchgesetzt. „Insbesondere die Speditionen und Paketdienstleister wollen alle ihre eigenen, werbewirksamen Fahrzeuge nutzen und meinen, mit eigenen Fahrzeugen zeitlich am flexibelsten zu sein“, so Franklin. „Was oft verdrängt wird: Leerfahrten und Staus binden Personal und Fahrzeuge, die Firmen verlieren dadurch bares Geld. ?Könnten sich die Dienstleister auf Logistik-Sharing einigen, würde das Verkehrsaufkommen deutlich sinken ? ebenso wie die Kosten für den Fuhrpark“, sagt Franklin. „Gäbe es dann noch klare Entscheidungen in der Verkehrssteuerung, damit Lkws und Urlauber nicht mehr gleichzeitig auf den Autobahnen unterwegs sind, wären Staus Geschichte“, ist der Experte sicher.

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