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Verbraucherträume und Industrie 4.0 kommen Handel und Logistik teuer zu stehen

Die seit Jahrzehnten anhaltende Individualisierung industriell gefertigter Produkte führt nach Einschätzung des Clubs of Logistics e.V. (Dortmund) zu tiefgreifenden Veränderungen in der Wirtschaft. Im Rahmen von sogenannten Industrie 4.0-Strategien wandert die Fertigung immer stärker in die Nähe der Konsumenten.

„Das hat gravierende Auswirkungen auf die Handels- und vor allem die Logistiklandschaft“, betont Peter Voß, Geschäftsführer des Clubs. Die Logistikindustrie gewinne dadurch an Bedeutung, gerate aber auch unter wachsenden Kostendruck. Industrie 4.0 steht derzeit im Mittelpunkt vieler Diskussionen zur Veränderung der Unternehmensstrategien. „Dabei steht neben der Einführung neuer Technologien auch die sich ändernde Gestaltung der Wertschöpfungskette im Fokus des Interesses. Denn durch Industrie 4.0 wird neben Kosteneffizienz auch angestrebt, dem immer individuelleren Bedarf des Kunden zu begegnen“, so Voß.

Beispiel adidas: Der Markenartikler will künftig nicht mehr nur im fernen Osten produzieren. „Wir werden näher an die Kunden heran rücken und die Ware dort fertigen, wo die Käufer sind“, betont Forschungschef Gerd Manz gegenüber einer Wirtschaftszeitung. Unter dem Namen „Speedfactory“ hat adidas ein Projektteam zusammengestellt, das die Voraussetzungen dafür schaffen soll. Ziel ist es, flexibel, lokal und auf kleinstem Raum in Mini-Fabriken zu produzieren.

Eine Richtung der Entwicklung ist die Orientierung an der Nähe und am Produktnutzen für den Kunden, eine andere die Individualisierung der Produkte. „Beides wird unter der Hybridisierung der Wertschöpfungskette zusammengefasst“, so Voß. „Das hat nicht nur große Auswirkungen auf die Fertigung und die Logistik, sondern auch auf die im Handel.“

Da immer noch viele Konsumgüter zu einem großen Teil nicht in Deutschland, sondern in Osteuropa und Fernost gefertigt werden und die Kundenbereitschaft, auf diese Produkte lange zu warten sinkt, ist eine Individualisierung in vielen Fällen oft nicht sinnvoll. Voß: „Sie kann deshalb nicht im Rahmen der eigentlichen Produktion in Tschechien oder China, sondern nur in der Nähe der Konsumenten stattfinden.“ Die Individualisierung, so viel steht heute bereits fest, findet jedoch nicht beim eigentlichen Hersteller, sondern beim Händler oder beim Logistikdienstleister statt. Sie kann unterschiedliche Ausprägungen haben.

„Diese reichen von der einfachen Konfektionierung (z.B. Beipacken von Werbematerialien) über eine Anpassung des Produkts (z.B. durch Softwareaufspielung) bis zur Fertigstellung des Produkts durch kundenspezifische Fertigung“, erklärt Voß. Die letztgenannte Idee stamme aus der Automobilindustrie und werde jetzt auf die Konsumgüterindustrie übertragen.

Diese Veränderungen lassen erwarten, dass es zunächst im stationären Einzelhandel zu einer Regionalisierung der Distributionsstrukturen kommen wird. Daraus erwächst eine steigende Nachfrage nicht nur nach neuen und flexiblen Distributionszentren des Handels, sondern auch nach zusätzlichen Logistikstandorten in der Nähe von Ballungszentren, an denen Güter für die Kunden aufbereitet und schnell zum Empfänger gelangen können.

Die Auswirkungen auf die Verkehrsströme sind heute noch nicht abzuschätzen. Der Club of Logistics rechnet jedoch mit Veränderungen, die den Güterverkehr noch kleinteiliger und damit kostenintensiver als je zuvor macht. Da die Bereitschaft der Industrie und der Verbraucher, diese Kosten zu tragen gering ist, sieht der Club of Logistics große Teile der Logistikindustrie auch auf dem Feld der Industrie 4.0-Strategien unter Druck. Marktchancen bestünden hingegen für Kontrakt- und Mehrwertdienstleister.

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