Logistik-Markt in China: Lizenz zum Wachstum

Transport- und Logistikdienstleistungen sind im wirtschaftlich florierenden China derzeit heiß begehrt. Experten erwarten, dass der dortige Markt mindestens dreimal so schnell wachsen wird wie in Deutschland. Dennoch sind bisher nur wenige deutsche Logistikunternehmen im Besitz einer staatlichen Erlaubnis, eigenständig auf dem Markt zu agieren: “Um in Konkurrenz zu anderen internationalen Logistikdienstleistern zu bestehen, haben deutsche Anbieter noch Nachholbedarf”, so Hans-Christian Pfohl, Vorstandsmitglied der European Logistics Association (ELA).

“Beste Wachstumsperspektiven weltweit” hat der chinesische Logistikmarkt, schreibt die Bundesagentur für Außenwirtschaft und zitiert in China niedergelassene ausländische Speditionsanbieter, die mit “kurz- und mittelfristigen Zuwächsen von 15 bis 30 Prozent jährlich” rechnen. Der Hong Kong Shipper’s Council geht davon aus, dass Chinas Logistikmarkt bis 2010 auf ein Volumen von über 144,8 Milliarden US-Dollar (rund 116 Milliarden Euro) steigen wird. Kein Wunder: Denn seit Chinas Beitritt zur WTO am 11. Dezember 2001 wird der Logistikmarkt schrittweise liberalisiert. Seit Dezember 2004 ist es Logistikunternehmen erlaubt, unabhängige Tochterunternehmen in China zu gründen und selbstständig zu führen.

Möglich macht dies die so genannte A-Lizenz. Sie wird vom chinesischen Außenhandelsministerium erteilt und berechtigt dazu, rechtliche Dokumente zu erstellen und Dienstleistungen direkt anzubieten. Dieser direkte Kontakt zu den Kunden garantiert den Logistikunternehmen ein hohes Maß an Unabhängigkeit und damit Planungs- und Rechtssicherheit.

Als erster europäischer Logistikkonzern erhielt Kühne und Nagel in 2004 eine A-Lizenz für Shanghai. Das Schweizer Unternehmen profitierte vom so genannten Closer Economic Partnership Arrangement (CEPA) zwischen Hongkong und Shanghai: Es erlaubt ausländischen Unternehmen, die seit langem in Hongkong ansässig sind, eigenständige Tochtergesellschaften in Shanghai zu gründen. Kühne und Nagel ist seit 1979 in Hongkong tätig. Nach einem Jahr kann der Konzern die Ausweitung A-Lizenzen auf andere Standorte beantragen.

Um die A-Lizenz zu erhalten, müssen zahlreiche Voraussetzungen erfüllt werden: “Das Unternehmen muss zwölf Jahre Erfahrung auf dem chinesischen Markt nachweisen können und mindestens 50 Millionen Euro in sein China-Geschäft investiert haben. Im Bereich Transport, muss es sich verpflichten, eine Kapazität von 7.000 Tonnen pro Jahr auszulasten”, zählt Logistikexperte Pfohl auf. “Für viele Unternehmen ist die A-Lizenz ein Marketinginstrument, doch man muss kritisch fragen, wofür sie genau gilt”, warnt er. Denn wer in mehreren Logistikbereichen wie Luft- oder Seefracht, Logistik, Nah- oder Fern-Transport und verschiedenen Provinzen tätig ist, braucht verschiedene weitere A-Lizenzen.

Eines der wenigen deutschen Unternehmen mit A-Lizenz ist DHL Express. In einem Joint Venture mit dem chinesischen Partner Sinotrans ist das Unternehmen seit über 20 Jahren auf dem chinesischen Markt tätig. Mit 40 Prozent Anteil ist es Marktführer und hat die chinesische Post auf den zweiten Platz verdrängt. “Im vergangenen Jahr sind wir in Shanghai um 68 Prozent gewachsen, in ganz China 45 Prozent”, sagt Markus Leutner, Leiter des Kompetenz-Centers China bei DHL Express. Auch in den nächsten Jahren rechnet Leutner mit Wachstumsraten in dieser Größenordnung. Dennoch spiele das China-Geschäft im Gesamtumsatz nur eine kleine Rolle, der Hauptumsatz wird noch immer in den USA und Deutschland erzielt.

Trotz aller Euphorie für China treffen Logistikunternehmen dort noch auf zahlreiche Probleme. “Die Herausforderung in China ist vor allem die Fläche”, sagt Leutner. So umfasse das Straßennetz zwar 1,8 Millionen Kilometer, allerdings seien davon nur 600.000 asphaltiert. Auch durch jahrelange Planwirtschaft im Reich der Mitte laufen dynamische Prozesse, die in der Logistik zum Tagesgeschäft gehören, nicht immer planmäßig ab.

Hinzu kommt, dass die Zuständigkeiten zwischen den Behörden und Provinzen nicht immer klar sind. Der Übergang zu Korruption ist laut Hans-Christian Pfohl “hier leider oft noch fließend, und “guangxi” – Beziehungen – spielen eine wichtige Rolle”. So wartet Kühne und Nagel noch immer auf die Lizenz für Luftfracht. Diese könne nur erteilt werden, wenn chinesische Luftfrachtunternehmen beteiligt werden. “China strengt sich wirklich sehr an, dennoch flammt hier und da noch der Protektionismus auf”, weiß Uwe Stoll, Leiter des Route Sales Developement Asien bei Kühne und Nagel, aus leidvoller Erfahrung, “und manchmal stehen sich die Behörden einfach gegenseitig im Weg”.

Hintergrund: Logistik in China

Das chinesische Infrastrukturnetz umfasst knapp 1,8 Millionen Kilometer Straßen, mehr als 70.000 Kilometer Eisenbahnnetz, 122.000 Kilometer Binnenschifffahrtswege und 472 Flughäfen. Die Autobahnen sind mautpflichtig, dafür aber in sehr gutem Zustand, wohingegen viele Landstraßen vor allem im Landesinneren nur unzureichend ausgebaut sind.

Die staatliche chinesische Bahn ist mit dem massiv gewachsenen Güteraufkommen vollkommen überlastet und damit für viele Logistikunternehmen zu unflexibel. Der wichtigste Binnenhafen befindet sich in Chongqing am Jangtse-Fluss, der größten Stadt der Welt. Der größte Flughafen Chinas hat 2004 in Guangzhou eröffnet, Hongkongs Flughafen Chek Lap Kok ist mit drei Millionen Tonnen Güterumschlag pro Jahr wichtigster Frachtflughafen.

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